Walter Kranz
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ISBN 978-3-8442-5759-5



Über Brüche dachte Bernard eigentlich noch nie nach. Schon gar nicht, wenn sie sich zwischen zwei Schnitten befinden sollen. Auch heute morgen nicht. Noch nicht!  Er sitzt am Frühstückstisch, blättert in der Tageszeitung und hört nebenbei In­formationen, die schon am Morgen aus dem Fernsehgerät purzeln. Gelegentlich schaut er gelangweilt auf die Uhr, die die Zeit mehr verhindert, denn verstreichen lässt. Er ist müde und es dauert noch bis zum ersten Termin. Fast bedauert er, den Auftrag angenommen zu haben, Paul Schweyers Biografie zu verfassen.

Wer ist Paul Schweyer? – Wüsste Bernard, was ihn erwartet, Ber­nard käme nicht auf den Gedanken, die Annahme des Auftrags zu bedauern. Schon gar nicht, wenn er wüsste, dass er bald mitten drin und von der Vergangenheit überholt sein wird. Dass Brüche im eigenen Leben, in Paul Schweyers Leben und im Leben anderer, mehr oder we­niger deutlich, sichtbar werden.

Während Bernard die Zeitung zusammenfaltet, berichtet der Fernsehsprecher, dass Glo­bali­sie­rungs­gegner gegen das Gipfeltreffen, welches aufgrund dringender Globalisierungsprobleme an­be­raumt worden sei, heftige Aktionen an­ge­droht hätten. Die Polizei sei mit Hundert­schaften zur Stelle, um die zu erwartenden Randalierer in Schach halten zu können. Es herrsche ge­gen­wär­tig gespannte Ruhe. Zwar seien Men­schen­knäuel zu sehen, doch deute nichts darauf hin, wo ge­nau sich der Mob zusammenrotten wer­de, um der Lust an der Randale freien Lauf zu lassen.

Bernards Auftrag, führt ihn in Schweyers Betrieb, wo ihm dessen Se­kre­tärin Elisabeth Unterlagen zu Schweyers Biografie aushändigt. Sie ent­schuldigt ihren Chef, der als Regierungsberater in Sachen Globalisierung, einen wichtigen Termin wahrzunehmen habe. Noch bevor sich Bernard in die Unterlagen vertiefen kann, erreicht beide die Nach­richt, dass Paul Schweyer verunfallt sei und im Krankenhaus liege. Plötzlich weicht die Röte aus ihren Wangen. Blaue Äderchen werden sichtbar. Heben sich auf weißer Haut deutlich ab. Bernhard sieht ihre Stirn Schweißperlen gebären. „Er wird nicht kommen“, sagt Elisabeth, nachdem sie den Hörer aufgelegt hat. „Wird lange Zeit nicht kommen.“ Das zweite Mal sagt sie es tonlos und abgehackt. „Hat einen Unfall gehabt. - Kommen Sie. Kommen Sie.“ Weil Bernard nicht reagiert, fasst Elisabeth seinen Unterarm und zieht ihn mit sich: „Kommen Sie schnell. Wir müssen sofort hin.“ …

Auf der Unfallstation erfahren Elisabeth und Bernard, dass Andreas, Anna Grubers und Paul Schweyers unehelicher Sohn, an den Unfallfolgen gestorben und Paul Schweyer selbst schwer verletzt worden sei. Noch fühlt sich Bernard nicht involviert, im Gegenteil …

Andreas ist vorbelastet. In der Vergangenheit wurde er beschuldigt, Mitglied einer subversiven Vereinigung sein. Als bekennender Globalisierungsgegner, machte er sich verdächtig: Auf dem Polizeiposten wurde Andreas nach seinen Personalien, seinem Leben, seinem Umfeld befragt. Teilweise drangen sie tief in seine Persönlichkeit ein. Und dann die quälenden Fragen! Von links. Von rechts. Von oben. Von unten. Von vorne. Von hinten. Manchmal quer diagonal aus der Schräge: Welchen Freundeskreis er habe. Ob er je einmal mit der oder jener oder sogar mit dem oder jenem. Wo er damals, an genau benanntem Datum , gewesen sei. Ob er ein Alibi habe. Warum er öfters dort sei wo er viel sei. Andreas gab Antwort, so gut er konnte, so viel er wusste, und dennoch wiederholten sie sich. Ständig. Stündlich. Immer wieder.“

Andreas Vorleben führt bei vielen zur Annahme, dass er seinen Vater, den Glo­bali­sierungs­be­fürworter, bewusst in den Baum gefahren habe, um so quasi als Selbst­mord­at­ten­tä­ter ein Zeichen zu setzen. Es sind wenige, die Andreas verteidigen, zum Bei­spiel eine Kellnerin: „Worauf wollen Sie hinaus? Was wollen Sie hören?“ „Die Wahrheit.“ „Das sagen alle. Aber alle wollen sie nicht die Wahrheit hören, sondern sich bloß in den eigenen Thesen bestätigt fühlen. Das nennen sie dann Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung. Ich habe doch schon gesagt, dass Andreas nicht zu Gewalttätigkeit neigte. Wenn auch Sie glauben, dass er seinen Vater absichtlich in den Baum gefahren habe, dann irren Sie. Irren Sie ganz gewaltig. Und wenn auch Sie in Ihrem Irrtum verharren wollen, dann tun Sie es, bitteschön. Aber dann tun Sie mir aufrichtig leid.“

Zum Schluss erfährt die Geschichte eine für Bernard überraschende Wendung, weshalb er sich zurückzieht. Bernard geht nach oben. Weiß nicht mehr, was er wollte. Zu viele Brüche hat er erlebt, sofort sichtbare und weniger spürbare. Er nimmt die Notizen zu den fremden Memoiren. Er liest sie Blatt für Blatt noch einmal durch. Jedes Blatt, das von ihm belesen wird, zerreißt er anschließend langsam in die kleinsten Teile, die seine ungeschickten Finger zulassen. Nach und nach sammelt sich so ein Haufen ungleichförmiger Konfetti.

Bleibt hier noch die Frage, was es mit "Bora" auf sich hat. Die Antwort wird im Buch gegeben.